Graphic Novel
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Craig Thompson – Habibi

Craig Thompson ist ein amerikanischer Comiczeichner. Sein bereits hier vorgestelltes Werk Blankets erhielt 2005 den Preis als Comic des Jahres auf der Frankfurter Buchmesse. Mit Habibi legt Thompson nun ein Werk vor, dem knapp sieben Jahre Recherchearbeit vorausgegangen sind. Teile seiner Erfahrungen auf seiner Reise durch die arabische Welt hat Thompson in seinem Tagebuch einer Reise veröffentlicht.

Zunächst fällt an Habibi, bevor man das Buch überhaupt zum ersten Mal aufschlägt, wahrscheinlich sein Umfang und die liebevolle Ausgestaltung auf. Mit Goldverzierungen und arabischer Schrift geschmückt macht es schon wirklich was her, ganz abgesehen vom Inhalt. Hier muss man dem Verlag wirklich Respekt für die Investition zollen, die sich im Falle Habibis zweifelsohne als lohnenswert herausstellen wird. Nach der Lektüre kann es immer noch als beeindruckendes Dekorationselement herhalten. Aber nun zur Geschichte.

Protagonisten sind zwei Sklavenkinder, Dodola und Zam. Dodola wird in jungen Jahren mit einem Schriftgelehrten zwangsverheiratet. Eines Tages wird der von von Sklavenhändlern überfallen und ermordet, Dodola wird verschleppt. Der dreijährige Zam wird, als Sohn einer Sklavin, seiner Mutter entrissen, der es nicht gestattet ist, ein Kind zu haben. Die nunjährige Dodola gibt ihn als ihren Bruder aus, um ihn vor der Ermordung durch die Händler zu retten und die beiden fliehen in die Wüste. Dort finden sie ein verlassenes Boot, das sie sich bald gemütlich einrichten.

Dodola kümmert sich rührend um den kleinen Zam. Sie erzählt ihm Geschichten und ernährt ihn wie ihr eigenes Kind. Sie verkauft sogar ihren Körper an durchreisende Karawanen, um für genügend Nahrung zu sorgen. Die Idylle beginnt in dem Augenblick erste Risse zu zeigen, als Zam ihr folgt und sie zusammen mit einem vorbeifahrenden Händler entdeckt. Zam fühlt sich schuldig, schlussendlich besorgt Dodola ja auch für ihn das Essen. Mit zunehmendem Alter beginnen die beiden außerdem, sich aus erwachsenerer Perspektive zu betrachten. Sie schlafen nicht mehr gemeinsam in einem Bett.

Plötzlich verschwindet Dodola, entführt von der Garde des Sultans, der auf der Suche nach neuen Haremsdamen ist. Was die junge Frau im Palast des Sultans erdulden muss, ist wirklich haarsträubend und soll hier auch nicht in allen Einzelheiten nacherzählt werden. Thompsons detailverliebte Schwarz-Weiß-Zeichnungen, die mitunter stark an Will Eisner erinnern, kreieren eine unnachahmliche Stimmung, die irgendwo zwischen Abscheu, Entsetzen und Mitgefühl hin – und herpendelt. Zam indessen verschlägt es ins Dorf, wo er, gequält von den Erinnerungen an Dodolas „Bezahlungen“, einen ganz anderen Weg einschlägt.

Nach einigen harten und ereignisreichen Jahren finden die beiden zwar wieder zusammen, aber sind sie noch dieselben, nach allem, was sie erduldet haben? Können sie wieder zueinander finden? Sind sie wie Bruder und Schwester, Mutter und Tochter – oder doch mehr? Eines jedenfalls ist beiden klar – sie haben sich niemals aus den Augen verloren, niemals aufgehört, einander in Gedanken zu bewahren – und darüber manch anderen Menschen vergessen. War Blankets schon großartig in seinen Zeichnungen und seiner Stimmung, ist Habibi  ein Meisterwerk.

Auf knapp 650 Seiten zeichnet Thompson die authentische Lebensgeschichte zweier Menschen, mal märchenhaft, mal grauenhaft realistisch. Er lässt uns das Leben in dieser, für uns Europäer doch verhältnismäßig fremden Welt, zum Leben erwachen, thematisiert den Islam, ohne ihn jedoch gleichzeitig als dem Christentum untergeordnet darzustellen. Beide Religionen rexistieren gleichwertig nebeneinander, hinterlassen ihre Spuren in der Geschichte. Dank der langen Recherchearbeit Thompsons ist er glaubwürdig in der Lage, realistische Einblicke in die Lebenswirklichkeit des Orients zu gewähren.

Ich kann nur jedem, der Comics liebt und dem die Verschmelzung von Grafik und Literatur ebenso viel gibt wie mir, ans Herz legen, dieses Buch zu lesen. Es ist durch und durch beeindruckend, tiefsinnig, stimmungsvoll und einzigartig – ein wahres Juwel.

 

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