Romane
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Benedict Wells – Fast genial

 

Benedict Wells ist ein deutscher Schriftsteller. Der erst Siebenundzwanzigjährige entschied sich nach dem Abitur gegen ein Studium, um schreiben zu können. 2008 erschien sein Debütroman Becks letzter Sommer. 2009 wurde Wells mit dem bayrischen Kunstförderpreis ausgezeichnet.

Ich muss es mit den Worten einer guten Bekannten sagen: Dieser Roman ist nicht nur fast, nein, er ist genial. Der knapp achtzehnjährige Francis Dean hat es nicht leicht. Er hat eine manisch-depressive Mutter, die regelmäßig psychiatrische Kliniken aufsuchen muss und einen Vater, dessen Namen er nicht kennt. Er wohnt im Trailerpark, sackt in der Schule ab und fühlt sich als Versager, der niemals das kleine Nest Claymont verlassen wird, in dem er geboren wurde. Sein Freund Grover ist der Inbegriff eines Nerds mit Hornbrille und akutem Mangel an Modebewusstsein.

Als seine Mutter nach einer manischen Phase wieder in die Klinik eingeliefert wird, trifft er dort Anne-May, die nach einem Selbstmordversuch auf derselben Station untergebracht wurde wie seine Mutter. Augenblicklich verliebt er sich in das faszinierende, schwarzhaarige Mädchen und besucht sie von nun an jeden Tag. Die beiden sprechen über ihre Wünsche, Träume und Sehnsüchte und fast hätte man es als perfekt bezeichnen können, hätte es nicht auf der Station einer psychiatrischen Klinik stattgefunden.

Was so schön anfing, wird jäh durch einen Selbstmordversuch seiner Mutter unterbrochen. In der Annahme, ihn nicht zu überleben, hatte Francis‘ Mutter ihm einen Brief geschrieben, der ihm endlich erklärt, wer sein Vater ist. Und das führt ihn auf den wahnsinnigsten Trip, den er je erlebt hat. Denn Francis ist kein normales Kind. Er ist ein Retortenbaby, das im Rahmen der sogenannten „Samenbank der Genies“ entstand. (Diese Samenbank der Genies gab es übrigens tatsächlich. 1980 gründete ein Mann namens Robert Klark Graham eine Samenbank, die Spender waren alle renommierte Wissenschaftler)

Vollkommen entsetzt und verwirrt fasst Francis den Entschluss, seinen Vater zu suchen. Plötzlich scheint sein Leben einen Sinn zu ergeben, plötzlich ist er kein Niemand mehr, sondern das Kind eines genialen Mannes. Gemeinsam mit Anne-May und seinem Freund Grover macht er sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater, der, so ist er überzeugt, sein Leben wieder in geregelte Bahnen bringen wird. Durch 11 US-Staaten geht es mit dem Auto über New York, San Francisco und Las Vegas (was eine ganz besondere Rolle spielt) nach Los Angeles, wo sich sein Vater angeblich aufhalten soll.

Ich will gar nicht verraten, wie die Reise ausgeht. Aber dieses Buch ist auf eine sehr liebevolle Art und Weise anrührend, fast eine Mischung aus Joey Goebel (wir erinnern uns an Vincent und die Renaissance-Academy) und einem Roadmovie. Es lässt sich leicht lesen, ohne dafür anspruchslos oder lasch zu sein. Ich würde sagen, Wells ist damit ein richtig guter Roman gelungen, der über die bloße Unterhaltung hinaus auch noch zum Nachdenken darüber anregt, was für eine Idee eine solche Samenbank eigentlich ist und wie sie die Menschen, die an diesem Projekt teilnehmen, auch noch im Nachhinein beeinflusst. (Für alle Interessierten: Es gibt eine BBC-Dokumentation über Grahams Projekt und einen Film namens Frozen Angels, der sich generell mit dieser Thematik auseinandersetzt)

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