Graphic Novel
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Marjane Satrapi – Persepolis

persepolis

Marjane Satrapi ist eine iranische Comiczeichnerin und Kinderbuchillustratorin. Sie wuchs in Teheran auf, wo sie die islamische Revolution und den ersten Golfkrieg miterlebte. In Persepolis, ursprünglich in zwei Bänden erschienen, schildert sie ihre Kindheit im Iran und ihre Jugendjahre, die sie zum Teil in Wien verbrachte. 2007 wurde Persepolis als Animationsfilm auf die Leinwand gebracht.

Graphic Novels sind stark im Kommen, obwohl es Comics schon immer gegeben hat. Leider haftete ihnen stets der Geruch des Unseriösen und Kindlichen an, der offensichtlich jede ernsthafte Auseinandersetzung mit einem Thema in Comicform verbot.  Sicherlich zeichnete sich diese Entwicklung schon mit Art Spiegelmanns Maus ab, für das er 1992 den Pulitzerpreis erhielt, aber erst langsam sickert ins Bewusstsein vieler Leser, das Comics nicht zwangsläufig im Lustigen Taschenbuch erscheinen und auch nicht automatisch heitere und oberflächliche Themen behandeln müssen.

So auch Satrapis Persepolis. Zuerst sei gesagt – Persepolis sollte man nicht einfach wie einen Comic in rasendem Tempo lesen, schlucken und verdauen. Um es zu verstehen, muss man die politischen Hintergründe kennen oder sollte man wenigstens gewillt sein, sich damit auseinanderzusetzen. Zentrales Thema ist die islamische Revolution im Iran, die zur Absetzung Schah Mohammad Rehza Pahlevis und der Beendigung der Monarchie führte. Symbolfigur dieser Revolution war Ajatollah Chomeini, der eine stark religiös-geistliche Gesellschaftsordnung mit Gewalt und Unterdrückung etablierte.

Persepolis beleuchtet nicht bloß trocken politische Bewegungen, den Krieg und diktatorische Verhältnisse, sondern tut dies vor dem Hintergrund der Familie Satrapi.  Wir erfahren die konkreten Auswirkungen auf eine kleine Familie, die sich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegen das Regime auflehnt und für Meinungsfreiheit kämpft. Marjanes Großvater war jahrlang inhaftiert, ihr Onkel Anusch wurde als Widerstandskämpfer fetsgenommen und exekutiert, ihre Freundin stirbt bei einem Bombenangriff. Wie auch bei Maus, von dem sich Satrapi beeinflusst zeigt, sehen wir sehr viel Leid und Elend, aber daneben auch sehr viel Kampfgeist, Hoffnung und Zusammenhalt.

Mit viel Humor und Einfühlungsvermögen kämpft die heranwachsende Marjane nicht nur gegen das Regime, sondern die erwachsene mit diesem Comic ebenso gegen Stereotypen, die unser gesellschaftliches Miteinander behindern und unseren Horizont verengen. Kurz nach Beginn des ersten Golfkrieges schicken Marjanes Eltern sie nach Eurpoa, um ihr noch mehr Elend und Leid zu ersparen. Marjane kommt nach Wien in eine von Nonnen geführte Schule, wird dort als ungebildet beschimpft, wie die Iraner eben sind, von ihrer Vermieterin bezichtigt, deren Brosche gestohlen zu haben, von angeblichen Freunden als jemand eingeschätzt, der mit seinen Kriegsgeschichten bloß Aufmerksamkeit zu erregen versucht. Marjane ist und bleibt Außenseiterin, teilweise aufgrund ihrer Erfahrungen und teilweise aufgrund der hartnäckigen Engstirnigkeit der Menschen, die sie trifft.

Als der Iran noch als reiches Land galt, wurde jedem Iraner in Europa der rote Teppich ausgerollt, grenzübergreifende und länderübergreifende Freundschaft wurde gepflegt und beschworen, seitdem Krieg herrschte, galten die Iraner als ungebildete Langfinger oder – ähnlich wie heute Türken und Iraki – als gewalttätige Terroristen, die jederzeit bereit sind, für ihren Glauben ihr Leben und das anderer zu opfern. Persepolis zeigt uns, wie viele dieser Menschen aufgewachsen sind, dass Repressalien der Regierung aus ihnen allen verschleierte Gleichförmigkeit gemacht haben, obwohl die Menschen dahinter ganz andere Wünsche und Ziele haben als man ihnen gemeinhin nachsagt.

Ich kann nur jedem ans Herz legen, dieses Comic zu lesen und sich zu informieren. Es steckt voller bewundernswerter Augenblicke und Entschlüsse, voller Lebensfreude, trotz aller Widrigkeiten und es ist die Geschichte einer Frau, die eine herausragende Entwicklung genommen hat und für viele ein Beispiel für Authentizität, Durchsetzungskraft und Natürlichkeit sein könnte. Man kann Frau Satrapi nur gleichzeitig zu diesem Werk gratulieren und ihr dafür danken, dass wir ein Stück dieser Kultur für uns entdecken und an einem Teil ihres Lebens teilhaben konnten.

Auch die 2007 erschienene Verfilmung ist lohnenswert.

Marjane Satrapi: Persepolis Gesamtausgabe, Edition Moderne, 356 Seiten, 9783037311172, 25,00 €

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