Graphic Novel
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Jiro Taniguchi – Vertraute Fremde

Jiro Taniguchi ist ein japanischer Mangaka (Mangezeichner). Kennzeichnend für seinen Stil sind die ruhigen Abbildungen alltäglichen Lebens und Erlebens. Beeinflusst vom frankobelgischen Comic, hier sei als Vertreter Hergé genannt, fand Taniguchi seinen leicht poetischen und in sich ruhenden Stil. In Japan genießt Taniguchi großes Ansehen.

Bisher hatte ich von japanischen Comics immer Abstand genommen, weil sie mir zu versponnen und überzogen vorkamen, mehr wie ein seltsames Elaborat aus einer fremden Welt denn wie irgendwas, was ich nachvollziehen konnte. Mit Taniguchi habe ich nun die Erfahrung gemacht, dass auch die japanische Kultur zu Ruhe und Behutsamkeit finden und das auf sehr ansprechende Weise illustrieren kann. Was man zumeist mit japanischen Zeichnungen assoziiert, ist mehr für den kindlichen und jugendlichen Interessenten konzipiert, wir erinnern uns mehr oder weniger angenehm berührt an Sailor Moon, Dragonball Z, Doremi oder andere völlig abgehobene, quietschbunte Gesellen. Allerdings gab es schon früh eine Bewegung, die sich um einen eher erwachsenen Comic bemühte und so entstand die sogenannte Gekiga-Strömung, rund um das Magazin Garo.

Nun aber zu der hier zu rezensierenden Geschichte.

Der achtundvierzigjährige Hiroshi Nakahara steigt nach einem Geschäftstermin versehentlich in den falschen Zug und landet plötzlich in seiner Geburtsstadt Kurayoshi. Fast wie selbstverständlich tragen ihn seine Beine an das Grab seiner Mutter, die bereits vor zwanzig Jahren gestorben ist. Wir erfahren, dass Hiroshis Vater die Familie vor vielen Jahren ohne ein Wort der Erklärung verlassen hat und seine Mutter ihn und seine kleine Schwester von da an allein aufziehen musste. Er kniet vor dem Grab nieder und plötzlich passiert etwas Sonderbares – als Hiroshi wieder zu Bewusstsein kommt, bemerkt er plötzlich, dass er sich wieder als 14-jähriger Mittelschüler im Japan der 60er Jahre befindet. Zunächst kann er es kaum glauben und ist völlig überwältigt, als er ins Haus seiner Eltern tritt und sowohl seine Mutter lebend als auch seinen Vater anwesend vorfindet. Hat er vielleicht die Möglichkeit, die Zukunft zu verändern ? Seinen Vater zu halten ?

Hirsohi bekommt die Möglichkeit, von der viele Menschen träumen. Sein Leben neu zu beginnen, Dinge anders zu machen. Und weil er natürlich jede Situation nicht mit den Erfahrungen eines 14-jährigen, sondern mit denen eines 48-jährigen betrachtet, fällt seinen Eltern und Mitschülern schnell eine Veränderung an ihm auf. Hirohsi beginnt, sich in sein neues Leben zu fügen, ja, seine Frau und Kinder beinahe zu vergessen. Doch je näher der Tag rückt, an dem sein Vater verschwand, desto unruhiger wird er. Er versucht, etwas über die Beziehung seiner Eltern in Erfahrung zu bringen und erfährt von seiner Großmutter, dass sein Vater der zweite Mann seiner Mutter ist. Der erste sei 1943 oder ’44 im Krieg gefallen. Sein Vater brachte die Urne mit den Gebeinen des Gefallenen zurück und so lernten seine Eltern sich kennen und lieben. Warum sein Vater allerdings eine glückliche Familie verlassen sollte, ist bis zu dem Tag, an dem es schließlich passiert, nicht geklärt.

Auf der Suche nach seiner Vergangenheit findet Hiroshi sich selbst. Ihm gelingt es nicht, seinen Vater aufzuhalten, er verlässt die Familie dennoch, begründet durch einen enormen Freiheitsdrang, den er in seinem bisherigen Leben niemals ausleben durfte. Seine Eltern zwangen ihn zu einer Schneiderlehre, die er niemals machen wollte, Hiroshis Mutter und deren Mutter zwangen ihn durch die herrschenden Umstände, in Kurayohsi zu bleiben, statt das Leben zu leben, was er sich gewünscht hatte. Und so lebte Hiroshis Vater bis zu dem Moment, in dem er ausbricht, in einer Art Käfig, errichtet aus den Erwartungen anderer. Ich muss ja sagen, dass ich diese Begründung für das Verlassen einer Familie etwas schwach und bedenklich wackelig finde. Nachdem er sich sein ganzes Leben lang dem Willen anderer fügte, lässt er nun die zurück, die ihm diese Situation halbwegs erträglich gemacht haben. Und selbst wenn er geht – muss das bedeuten, dass er unauffindbar bleibt ? Dass der Kontakt zu seiner Familie vollkommen abgeschnitten ist ? Ich glaube kaum. Und so muss ich annehmen, dass dieser Vater vielmehr ein Spiegel für Hiroshi ist, der in seinem neuen Leben ebenso vergaß, was da zuhause auf ihn wartet. Dass seine Frau sich sorgt, seine Kinder sich auf ihn freuen. Die Möglichkeit, alles anders zu machen, hat ihn in dieselbe Situation gebracht wie seinen Vater – aber er macht es besser.

In einer Bar betrinkt er sich, nachdem er seiner Mutter die Wahrheit über den Verbleib seines Vaters sagte, der am Abend nicht nach Hause zurückkam. Er stolpert auf den Friedhof, wo künftig seine Mutter beerdigt werden wird, schläft ein und – wacht tatsächlich als 48-jähriger Mann wieder auf. Wir erfahren nicht, ob es sich bei der Geschichte lediglich um einen Traum oder ein übersinnliches und unerklärliches Ereignis handelt. Das ist letztlich aber gar nicht von primärer Bedeutung. Hiroshi hat gelernt, dass er die Vergangenheit nicht ändern, aber Einfluss auf die Gegenwart nehmen kann.  Insgesamt ein empfehlenswerter und emotionaler Comic, der uns auch ein bisschen in das Japan der 60er-Jahre (ent)führt.

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