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J.B. Priestley – Ein Inspektor kommt

John Boynton Priestley (1894-1984) war ein englischer Schriftsteller, Journalist und Literaturkritiker. Nach Beendigung des Kriegsdienstes im Ersten Weltkrieg begann er ein Studium der Literatur und Geschichte. Bis 1940 widmete er sich dem Theater und gründete sogar ein eigenes, für das er seine Stücke hauptsächlich konzipierte. Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er als BBC-Kommentator und erlangte so eine gewisse Berühmtheit.

„Ein Inspektor kommt“ gehört zu Priestleys bekanntesten Werken und zeichnet sich durch eine solche Eindringlichkeit aus, das man nur gefesselt und ein bisschen peinlich berührt die Geschehnisse um die Familie Birling verfolgen kann. Das Stück spielt, obwohl 1942 verfasst, 1912 in einer fiktiven Kleinstadt namens Brumley. Die Familie ist zusammengekommen, um die bevorstehende Hochzeit der Tochter Sheila mit Gerald, dem Sohn eines befreundeten Fabrikanten, zu feiern. Mitten in der Rede Mister Arthur Birlings klopft es plötzlich an der Tür und ein Inspektor kommt.

Der Inspektor stellt sich mit Namen Goole vor und berichtet von einem tragischen Suizidfall, der letzte Nacht im städtischen Krankenhaus geschehen sei. Ein Mädchen namens Eva Smith habe Säure geschluckt und sei daran gestorben, er ziehe nun Erkundigungen darüber ein, wer das Mädchen gekannt haben und etwas über ihre Beweggründe wissen könne. Nach und nach stellt sich im Verhör heraus, dass jedes Familienmitglied seinen Anteil an der Verzweiflungstat der jungen Frau hatte, ohne das tatsächlich zu beabsichtigen.

Familienoberhaupt Arthur hatte dafür gesorgt, dass Eva Smith ihren Job verlor, als sie um mehr Lohn bat, Tochter Sheila hatte sich aus Neid bei dem nächsten Arbeitgeber Eva Smiths beschwert, der sie daraufhin ebenfalls entließ. Gerald hatte eine Affäre mit Eva – wenn er sie auch unter dem Namen Daisy Renton kannte – und verließ sie. Sie wendet sich an eine Wohltätigkeitsorganisation, wo Mrs Birling ihr, trotz Schwangerschaft, die finanzielle Unterstützung verweigert. Bruder Eric Birling stellt sich nicht nur als der fragliche Kindsvater, sondern auch als Dieb heraus, da er Geld für seine Affäre aus dem Büro des Vaters entwendete. Die familiäre Fassade bricht.

Langsam beginnt die Familie allerdings Zweifel an der Glaubwürdigkeit des mysteriösen Inspektor Goole zu hegen, der nicht allen zusammen, sondern jedem einzeln das Foto der jungen Frau zeigte – was bedeuten kann, dass es sich jeweils um ganz unterschiedliche Personen gehandelt haben könnte. Für den Suizid der Frau und ihre Verstrickungen gäbe es keinerlei Beweise und nachdem sich Mr Birling nach dem Inspektor, den niemand auf dem Revier zu kennen scheint, gehen alle, ausgenommen Tochter Sheila, die nicht zur Tagesordnung zurückkehren kann, davon aus, betrogen worden zu sein. Alles Schuldgefühl scheint plötzlich wie ein Blatt im Wind davonzuwehen, als das Telefon klingelt – und von einem Mädchen berichtet wird, das Suizid begangen hatte und im städtischen Krankenhaus verstorben sei.

Mich hat Priestleys Stück sehr beeindruckt, weil es deutlich vor Augen führt, wo unsere Verantwortlichkeit im menschlichen Miteinander liegt und dass wir niemals unbedacht gegen jemanden handeln sollten. Mitunter ziehen unsere Taten weitere Kreise als uns jemals bewusst wird und bevor wir uns irgendwann mit der Zerstörung konfrontieren müssen, die wir angerichtet haben, sollten wir bedächtig miteinander umgehen. Wer dieses Stück gelesen hat, hält es nicht mehr für eine Plattitüde, sondern für bittere Wahrheit, in einer Welt, wo sich viele nicht mehr wesentlich für das Innere eines anderen Menschen interessieren.

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