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Craig Thompson – Blankets

 Craig Thompson ist ein amerikanischer Comiczeichner. Thompson wurde 2005 auf der Frankfurter Buchmesse für Blankets mit dem Preis für das Comic des Jahres ausgezeichnet. Er lebt und arbeitet in Michigan.

Blankets war mehr so ein Zufallsgriff aus einem Bibliotheksregal und ich kann einleitend sagen, dass es sich als absolut lohnenswert herausgestellt hat. Der gleichnamige Protagonist wächst in einer Kleinstadt in Wisconsin auf. Seine Eltern sind streng religiös und als unsicherer und schüchterner Junge findet er nirgendwo Anschluss. Selbst im christlichen Feriencamp verlacht man ihn wegen seines Haarschnitts und seiner Kleidung. Teenagergemäße Gesprächsthemen wie Sex, Klamotten und Partys interessieren ihn wenig und so bleibt er Außenseiter, selbst in einer Welt, die ihm qua ihrer Glaubenslehre offen begegnen sollte.

Im Feriencamp lernt er in der Außenseiterecke ein Mädchen namens Raina kennen und freundet sich mit ihr an. Die beiden unternehmen Spaziergänge im Schnee, führen lange Gespräche und erkennen nicht nur, wieviel sie gemeinsam haben, sondern auch, wieviel Halt sie sich geben können. Aus einer zunächst sehr vorsichtigen Annäherung wird eine Liebesgeschichte, die Craigs Leben verändert und den Eintritt ins Erwachsenenleben markiert.

Schon zu Beginn hat mich Blankets mit seinen eindrücklichen Schwarz-Weiß-Zeichnungen sehr in seinen Bann gezogen. In vielen Rezensionen vermisse ich ein paar Worte zum harten und rigiden Erziehungsstil des Vaters und den Vorfällen hinsichtlich des Babysitters, die Craig und seinen Bruder wohl nachhaltig geprägt haben dürften. Craig und sein Bruder teilten sich als kleine Kinder ein Bett und wenn sein Bruder Phil lange genug herumnörgelte, kam der übermächtige und aggressive Vater, um den kleineren der Brüder in die sogenannte Kuschelkammer zu bringen. Das Wort allein legt schon nahe, dass es sich dabei um nichts Schönes oder Angenehmes handelt. Phil wird in eine Art Verschlag hinter losen Dielen gesperrt und muss die Nacht dort in Gesellschaft zahlreicher Krabbeltiere und in totaler Finsternis zubringen. Gegenüber Craig kommentiert der Vater das lediglich mit der lakonischen Frage, ob er jetzt zufrieden sei, weil er das Bett für sich habe.

Der Babysitter missbrauchte die Jungen oder entblößte sich vor ihnen, das konnte ich nicht genau entziffern. All dies macht aus Craig einen vollkommen verunsicherten und traurigen Jungen, der sich ins Zeichnen und Träumen flüchtet – jedenfalls, bis er Raina trifft und sie in ihm nicht nur freundschaftliche Gefühle weckt. Seit jeher war er mit christlichen Glaubensgrundsätzen konfrontiert, die, wie es häufig in den USA der Fall ist, derart dogmatisch durchgeboxt wurden, dass man den Kindern und jungen Erwachsenen damit mehr Furcht einjagte als sie aufs Leben vorbereitete – aber vielleicht steckt auch genau diese Intention hinter all dem Gerede von Hölle und Sünde. So sieht sich Craig also gleichzeitig mit seiner erwachenden Lust und dem Gefühl konfrontiert, Gott gegenüber zu sündigen, der Begierde des Fleisches nachzugeben und ein unreiner Mensch zu sein. Dieser Comic ist nicht zuletzt auch eine leise Kritik, nicht an Gott, aber an Religionsgemeinschaften und einer vielfach sehr engstirnigen und oberflächlichen Auslegung religiöser Grundsätze. Sie können von Zusammenhalt reden, von Gnade und Liebe, aber zuhause ihre Kinder einsperren, ihre Mitschüler auf dem Hof zusammenschlagen oder einfach „nur“ ausgrenzen, obwohl sie nichts von deren Lebensgeschichte wissen.

Auch Raina hat es nicht leicht in ihrer Familie. Ihre Eltern wollen sich scheiden lassen, haben, aus Dankbarkeit vor Gott, der ihnen eine gesunde Familie schenkte, zwei geistig behinderte Kinder adoptiert, mit denen sie sich überfordert fühlen. Rainas Mutter nimmt Tabletten, ihre Schwester kümmert sich mehr um ihr Make-Up und eine Reise nach Hawaii als um die gerade geborene Tochter Sarah, die die Zuwendung dringend nötig hätte. Kurzum, viel Verantwortung für den Zusammenhalt der Familie lastet auf Rainas Schultern und es muss nicht gesagt werden, dass niemand einer solchen Verantwortung lange standhalten kann. Hier stehen sich zwei Familien gegenüber, die Gottes Wort preisen, während, beinahe nebenbei, die familiären Bande brechen, das auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Ein sehr lesens – und vorallendingen auch sehenswerter Comic über eine sehr leise und ehrliche (Lebens)Geschichte.

Craig Thompson: Blankets, aus dem Amerikanischen von Claudia Fliege, CARLSEN Verlag, 592 Seiten, 9783551749079, 38,00 €

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