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Émile Zola – Germinal

Émile Zola (1840-1902) war ein französischer Schriftsteller und gehört neben Balzac und Maupassant zu den bedeutendsten französischen Romanciers. Drüber hinaus war Zola sehr aktiv als Journalist tätig und beteiligte sich rege am politischen Leben. Zola konzipierte seine Werke jeweils als Teile des 20-bändigen Zyklus Les Rougon-Macquart. Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire, so auch Germinal. (die Geschichten kann man allerdings auch problemlos unabhängig voneinander lesen)

Germinal bedeutet  Keimmonat und entspricht etwa dem April des französischen Revolutionskalenders. Der Titel nimmt Bezug auf das Aufbegehren der arbeitenden Bevölkerung, das dem Keimen eines Samens gleicht.

Germinal erzählt als Roman von den unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Bergarbeiter zur Zeit der Industrialisierung gelebt und gearbeitet haben. Wir erleben mit, wie in den Bergwerken geschuftet wird, während zuhause kein Essen auf dem Tisch ist, wir erfahren von der körperlich sehr auszehrenden und anstrengenden Arbeit, die die Bergarbeiter jeden Tag leisten und wir sehen die, die, trotzdem sie nicht wirklich viel arbeiten, wesentlich mehr auf dem Tisch haben. Eine Problematik, die ja auch heute nicht veraltet ist, wenngleich Industrialisierung heute vielleicht besser mit Technisierung umschrieben wäre.

Protagonist ist der junge Etienne Lantier, der in das Bergarbeiterdorf Montsou kommt, nachdem er zuvor seine Arbeit verloren hat und hier auf der Suche nach einer neuen Stellung ist. Er trifft auf die Familie Maheu, bei der er nicht nur Unterschlupf, sondern in der Tochter Catherine auch seine Liebe findet. Wie auch das Oberhaupt der Familie Maheu arbeitet Etienne in den Schächten von „Le Voreux“. Empört von den Arbeitsbedingungen und den herrschenden Lebensumständen stachelt Etienne die Arbeiter zum Aufstand an. Sie sollen sich zur Wehr setzen und um ihre Rechte kämpfen, was zunächst allerdings nicht so erfolgreich ist wie erhofft.

Während die Arbeiter von „Le Voreux“ tapfer ausharren, tragen Arbeiter anderer Gruben den Streik wiederum nicht mit, was dazu führt, dass die Maheus, Etienne und all jene, die weiterkämpfen, nicht mehr bezahlt werden – was die Lebensumstände, man kann es sich denken, nicht eben verbessert. Nachdem die aufgebrachte Meute einen Lebensmittelhändler ermordet und gegen die Streikbrecher zu Felde zieht, greift das Militär ein – und die Situation eskaliert.

Man leidet mit den Bergarbeitern unter den schrecklichen Arbeitsbedingungen, man nimmt unmittelbar am Streik teil, erlebt die Eskalation durch den Einsatz von Soldaten, die belgische Streikbrecher schützen sollen. Zunächst klingt es freilich wie ein dröges Vorhaben: knapp sechshundert Seiten über das Leben der Bergarbeiter des 19.Jahrhunderts, zu Hochzeiten der Industrialisierung. Zola flechtet allerdings so geschickt kleine Nebenhandlungen ein, dass jeder eine Person finden dürfte, der er sich nahe fühlen, mit dem er sich identifizieren kann.

Wirklich hoch anzurechnen ist Zola desweiteren seine sachliche und präzise Sicht auf die Dinge. Kein Schablonendenken, kein Arbeiter ist bloß Märtyrer für eine bessere Welt, kein Unternehmer nur skrupelloser Ausbeuter, alle haben sie mehrere charakterliche Facetten, die sie hier und da sympathisch erscheinen lassen, menschlicher als es bloße Schwarz-Weiß-Porträts könnten. Ich möchte es also jedem ans Herz legen, der sich für die klassische französische Literatur, für Geschichte, Politik oder einfach für Menschen interessiert.

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